Die Unglaubliche Geschichte Des Mister C
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Baerbock, Habeck
Foto: Michael Kappeler / motion-picture show alliance / dpaImmer Heimrecht mit dreimal mehr Spielern auf dem Platz als der Gegner, der ein fünfmal größeres Tor hat: Das, ungefähr, beschreibt die Gefechtslage der vergangenen Jahre, wenn es um Atomkraft in Federal republic of germany ging: Die letzten Befürworter wurden vom Platz gefegt. Das hat sich nun geändert, darf man sagen. Laut ARD-Umfrage waren vergangene Woche gerade noch 15 Prozent der Deutschen für das geplante Abschalten der letzten drei AKW zum Jahresende. 15 Prozent!
Die Grünen haben es spektakulär versemmelt. Ausgerechnet in der Debatte über eine an sich läppische Laufzeitverlängerung haben sie das Framing, die intellektuelle Souveränität und schließlich dice Deutungshoheit verloren. Es ist ein Mix aus selbstbezogener Ideologietreue, Wurstigkeit und unerklärlich schlechtem Handwerk, welcher das grüne Debakel zu einem selbst verschuldeten macht. Wann ist ihnen das zum letzten Mal passiert? Ihnen, denen alles gelingt. Ihnen, denen alles möglich scheint. Aus grüner Sicht ist es der GAU, der größte anzunehmende Unfall. Human being wird Doktorarbeiten darüber schreiben.
Der erste Irrtum der Grünen war zu glauben, dass Putins Krieg sie nicht daran hindern würde, die Laufzeitfrage bis zum Ende auszusitzen. Dass der Krieg dice geostrategische Abkehr von (russischer) fossiler Energie beschleunigt, state of war ihnen wegen des einhergehenden Klimaschutzes hochwillkommen. Dass die Verbindung von Klima und Krieg auch etwas für die heimische und CO₂-freie Atomkraft bedeuten würde, wollte man indes nicht sehen. Ein Anfängerfehler. Über Monate state of war in Umfragen etwa für RTL/ntv zu beobachten, wie die Stimmung drehte. Jetzt sind laut SPIEGEL zwei Drittel der Befragten für eine Laufzeitverlängerung um fünf Jahre und knapp vier Fünftel für eine um ein Jahr . Treffer, versenkt.
Der zweite Fehler war zu glauben, dass man die neue Debatte mit alten Argumenten bestreiten könne oder hilfsweise mit Behauptungen, deren krasse Widersprüchlichkeit auf Nachsicht stoßen würde, weil das Ende der Atomkraft ein hehres und gutes Ziel ja bleibe. Natürlich fehlt weiterhin ein Endlager für den Atommüll. Aber eine Laufzeitverlängerung macht dieses Problem nicht signifikant größer – erst recht nicht, wenn die alten Brennstäbe nur in den »Streckbetrieb« gehen. Natürlich kann ein Atomkraftwerk auch keine Gasheizung betreiben, aber es kann Gasverstromung ersetzen. Und obwohl Robert Habeck schon Ende März erklärte, dass »jede eingesparte Kilowattstunde zählt«, traten Spitzengrüne im weiteren Verlauf reihenweise mit Erklärungen hervor, wonach Frg nur ein Gas- und »kein Stromproblem« habe. Laut Fraunhofer-Institut steht Gas für zehn bis 15 Prozent der Stromproduktion, was ziemlich viele einsparbare Kilowattstunden sind. Zudem leiden die Unternehmen unter den hohen Strompreisen ähnlich wie unter den Gaspreisen. Beides voneinander zu trennen, als rein taktischer Winkelzug in der Atomdebatte, beleidigt die Vernunft der Bürger und verlacht ihre Sorgen.
Der dritte Fehler der Grünen war, dice Nerven zu verlieren. Dazu zählt hektischer Whataboutism beim Verweis auf Markus Söders Energiebilanz, die vermutlich ebenso fragwürdig ist wie Friedrich Merz' Sonnenbrille beim Statement der beiden vor AKW-Kulisse. Aber darum geht es halt nicht. Mag auch sein, dass dice beiden Herren den Grünen »nur eins reinwürgen wollen«, wie Katrin Göring-Eckardt mutmaßt. Aber selbst wenn: Vor die Wahl gestellt, ob dice winterliche Energieversorgung ein Stückchen sicherer wird oder die Grünen weiter auf dem hohen Ross reiten, wäre ich für Ersteres. Von schlechten Nerven zeugen im übrigen Ausbrüche manifesten Schwachsinns wie der triumphierende Hinweis, dass etliche französische Atomkraftwerke hochsommerliche Produktionsprobleme haben. Stimmt. Aber wir reden vom Winter und von Frg. Oder die Behauptung, dass es doch »einen gesellschaftlichen Konsens« zum Atomausstieg gebe. Stimmt auch. Aber daneben ist ein kriegsbedingter Pragmatismus aufgetaucht, der den Ausstieg keineswegs grundsätzlich infrage stellt und dem human nicht unterschieben sollte, böswillig als »Türöffner« für den flächendeckenden Neubau von AKW in Deutschland zu dienen. Das ist ein grüner Popanz. Bleibt noch der Tweet eines langjährigen Sprechers von Jürgen Trittin, der den rot-grünen Atomausstieg einst aushandelte: »Ich habe fast fifty Jahre für den Ausstieg aus der #Atomkraft gekämpft. Jetzt, kurz bevor die letzten vom Netz gehen, lass ich mir den Erfolg nicht klauen — weder von Putin noch von @Markus_Soeder, @c_lindner oder @_FriedrichMerz.« Das ist in seiner Schlichtheit immerhin ehrlich.
Zusammenfassend: Die grüne Kommunikation in Sachen Atomkraft zu verfolgen, ist wie Massenkarambolage gucken auf der A3. Wo ist der Weitblick, mit dem Robert Habeck und Annalena Baerbock die Grünen an dice Spitze der Umfragen geführt haben? Wer ist in der Partei dafür verantwortlich, wenn die Erde notfalls zur Scheibe erklärt wird, nur um kein Jota am Atomausstieg ändern zu müssen? Von wem werden wir in dieser Sache regiert?
Nun droht den Grünen entweder die Laufzeitverlängerung, die Teile der eingeschworenen Gefolgschaft als das große Umfallen verhetzen können. Oder das Abschalten, das jenes öko-affine Publikum vergrätzen wird, denen dice grünen Ich-Bezogenheit dann doch etwas weniger am Herzen liegt als Strom aus der Steckdose oder ein geheiztes Kinderzimmer. Ihre eigene Geschichte hat die Grünen fest im Griff. Den Rest der Republik leider auch.
Source: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/streit-um-atomkraft-ein-gau-fuer-die-gruenen-kolumne-a-0ef15e8c-9dda-4ac0-a076-0b96e0ec37d0
Posted by: windomdediatesons.blogspot.com

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